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Beiträge unter 'Silke Helfrich'

Verkehrte Welt

Silke Helfrich schreibt:
Wir diskutieren gerade noch heiss das Briefing der suedafrikanischen Delegation (siehe Beitrag: “Ueber die Kunst des Selbstbetrugs” von Heike Loeschmann), da winkt uns jemand zum Fenster des Central Plaza, das Luxushotel gleich neben dem Convention Center. Die Riesenfrontscheibe (hier ist irgendwie alles gross und gewaltig) gibt Ausblick auf die Strasse und den Platz zwischen Hotel und Convention Centre. Dort hatten sich die VertreterInnen von Via Campesina und eine Menge Koreaner versammelt; eine bunte Demo, die wir da im Dunkeln durch die Scheiben beobachten koennen. Doch irgendwie auch weit weg vom Geschehen. Also was tun? Die Gunst des Augenblicks bietet an, uns der suedafrikanischen Delegation, die gerade die Rolltreppe runterfaehrt, anzuschliessen. Gedacht, getan. Wir laufen im Eiltempo ueber den Platz, zwischen den Absperrgittern durch, rundum Polizei, im Hintergrund das Trommeln der Demo (die Demos hier sind bunt und rhytmisch, das liegt vor allem an den fast an militaerische Uebungen erinnernden Drills der Koreaner) rein ins Convention Centre.

Dummerweise ueberlegen wir erst drinnen, was wir da genau wollen (ich hatte einen Termin mit einer Wasseraktivistin aus Bolivien, aber sie hatte natuerlich keine suedafrikanische Delegation, die sie durch die Absperrgitter geschleust haette). Jedenfalls nageln 15 Minuten spaeter die jungen Hilfskraefte Zettel an; mit dem Hinweis, dass alle Zugaenge gesperrt sind. Keine Zufahrt mehr zum Convention Centre aber auch kein Weg raus. Auf die Frage, wie wir zu unserem Termin in Hotel sowieso kommen, sagen sie nur: “Das ist alles fuer ihre Sicherheit.” Sie sind fest von der Bedrohung durch die demonstrierenden Bauern ueberzeugt. Ok, “Geh ich eben zum Briefing von OWINFS.” (dem Netzwerk “Our World is not for Sale”), doch die hatten das Convention Centre rechtzeitig verlassen, um sich der Demo anzuschliessen. Naechste Idee: das Briefing der franzoesichen Delegation: doch das wird abgesagt. Die Autos mit den Delegationsmitgliedern konnten nicht vorfahren. Ich bin drin, die Demonstranten sind draussen. Das hab ich auch noch nicht erlebt.

PS: anderthalb Stunden spaeter kommt der wegweisende Anruf (wir hatten uns derweil in das von der Stadt Hongkong eingerichtete Computerzentrum fuer NGOs verdrueckt, um diese blogs zu tippen): ein Kollege weist uns den Weg nach draussen. Hoffen wir mal, dass es klappt.

Silke Helfrich ist Leiterin des Bueros der Heinrich-Boell-Stiftung in Mexiko.

Kommentieren 17. Dezember 2005

Impressed, but in a scary way

Silke Helfrich schreibt:
“China ist nicht irgend ein anderes Land, die Integration Chinas in den Weltmarkt von historischer Dimension … nur leider ist sie noch immer nicht in die öffentliche Debatte vorgedrungen”. Das sagt der mexikanische Ökonom Enrique Dussel während der Veranstaltung zu “China – Mexiko, Wettbewerb oder
Zusammenarbeit?” im Rahmen des Böll-Forums. China ist im Jahr 2002 der WTO beigetreten und wird dort nun – nachdem es härtere Eintrittsbedingungen akzeptiert als die meisten anderen Länder, wie alle anderen behandelt. Die leider an wenigen Händen abzählbaren ZuhörerInnen erfahren von Enrique Dussel und von Wirtschaftsprof Yin Xingmin beeindruckende Zahlen, die vor allem die Unterschiedlichkeit der beiden Regionen belegen. Dem Okeonomen Yin steht der Wachstumsrausch Chinas geradezu ins Gesicht geschrieben. Gut 9 Prozent pro Jahr, und dann, berichtet gestern die South China Morning Post, hat sich rausgestellt, dass das BIP Chinas um 300 Milliarden Dollar (sic!) zu gering berechnet war. Yin blättert uns eine schwindelerregende Statistik nach der anderen hin: da ist jede Info eine Info der Superlativ, alles tapfer und ressourcenblind nach dem Motto: “We want to industrialize”. China hat nach der Anzahl der Beschäftigten das grösste verarbeitende Gewerbe der Welt – nur im Vergleich zu den verfügbaren Arbeitskräften in der Landwirtschaft scheint es sich bescheiden auszunehmen. China wird in Kürze internationaler Exportweltmeister sein (importiert wird allerdings auch kräftig, die durchschnittlichen Zölle sind in den letzten 15 Jahren von durchschnittlich 44 % auf 9,4 % gesunken), die Exporte von verarbeiteten Industrieproduktion haben sich seit 2000 verdreifacht und seit 1990 ver48facht! Bis Ende 2004 hatte China 508.941 ausländische Firmen zugelassen. Nochmal zum Mitlesen: mehr als eine halbe Million!

Der Energieverbrauch hat sich seit 2002 verfünffacht und das Handelsvolumen zwischen Mexiko und China steht in einem Verhältnis von 31 : 1. Dazu kommt, dass Mexiko zu 90% vom Exportmarkt USA abhängt, doch dahin drängen nunmehr – dh. seit dem WTO-Beitritt – verstärkt chinesische Produkte; ergo: Mexiko – wie auch der Rest der Latinos – kann schlicht nicht mithalten.

Doch China und Mexiko verbindet auch einiges: insbesondere – und das macht die WTO ziemlich attraktiv für beide – das Setzen auf Exporte als Kernelement der Wachstumsstrategien. China hat sich allerdings im Gegensatz zu Mexiko ca. 30 Jahre lang auf einem abgeschotteten Markt für den grossen Wettkampf fit gelaufen. Erst der Boom der Bekleidungsindustrie, dann der Elektronik (90er), inzwischen macht China ernsthaft Konkurrenz in der Zulieferung für die Automobilindustrie und in Zukunft werden es die Neuen Technologien sein.

China investiert massiv in universitäre Bildung (4 Millionen Studienanfänger jährlich! Tendenz steigend) und Forschung. Und dann ist da noch die Notwendigkeit, neue Jobs zu schaffen: in China drängen jahrlich über 8 Millionen auf den Arbeitsmarkt, in Mexiko sind es “nur” 1,2 Millionen, was im Vergleich zur Gesamtbevölkerung aber wohl sogar noch drastischer ist. Doch das Jobwachstum geht auch in China keineswegs mit dem Produktivitätswachstum einher, gigantische Probleme türmen sich schon jetzt vor dem Land auf.

Uff, genug der Zahlen… mir war schon ganz schwindlig. Schnell war klar, dass sich nicht nur die Frage stellt, was der WTO-Beitritt Chinas für Mexiko heisst, sondern wie die Weltwirtschaft – wie wir alle zusammen – diese Wucht aushalten können. “Viel arbeiten, mehr arbeiten”, sagt da im Brustton der Überzeugung Professor Yin und scheint sich über seine Idee noch diebisch zu freuen. Und im übrigen müsse man sich über die klassischen Wirtschaftszweige in Sachen Konkurrenz ohnehin keine Sorgen machen, weil China ja auf dem HighTech-Trip sei; so als könnten die Maquila-ArbeiterInnen Mexikos und Mittelamerikas nun aufatmen. Tatsache ist: für Mexiko – mit einigen wettbewerbsfähigen Wirtschaftszweigen und seinem Erdöl – sieht die Lage weniger hoffnungslos aus als etwa für Nicaragua, Honduras oder El Salvador.

“I am impressed, but in a scary way…” (Ich bin beindruckt, aber mir wird auch Angst) sagt dann eine Teilnehmerin. Das ging uns irgendwie allen so. Den Chinesen scheint nicht bewusst zu sein, was sie wirklich tun, sagt dann später ein Referent aus Lateinamerika. Er hat im Rahmen des Programms Nachhaltiger Cono Sur (Argentinien, Brasilien, Chile, Uruguay und Paraguay) mal nachgerechnet, was allein die Handelsbeziehung zwischen China und dem Cono Sur an Ressourcenverlust für Südamerika bedeutet.

Vom Aspekt der Zerstörung der Naturressourcen durch Industralisierung und Export auf Teufel komm raus, hatte Professor Yin, so erfahren wir am nächsten Tag, noch nicht viel gehört. “I am impressed, but in a scary way…”

Silke Helfrich ist Leiterin des Bueros der Heinrich-Boell-Stiftung in Mexiko.

Kommentieren 16. Dezember 2005